Ontario Rural Roadmap 2014

The Ontario government established the Ministry of Rural Affairs (MRA) in February 2013 to ensure the voice of rural Ontario is heard, its strengths are leveraged and its unique needs are addressed. MRA works to promote growth and opportunities for rural Ontario and support a high quality of life for its residents. In
addition to launching our own initiatives, we also evaluate policies and programs proposed by other ministries to ensure rural Ontario is taken into account. Our goal is to create strong, healthy rural communities that support good jobs, attract investment and contribute to Ontario’s economic success.

Rural Ontario is varied and diverse, encompassing farmland and forests, hamlets and booming towns. Some rural communities are close to cities, some are remote. Some rely on tourism, others on manufacturing and still others on natural resources. That’s why meeting our goals can only be achieved through continued consultation and collaboration.

Over the past year, we listened to communities and regions from Essex to the Quebec border and in Ontario’s North. We talked to farmers, mayors, Aboriginal leaders, small business owners, corporate CEOs and other residents and stakeholders. We also convened the province’s first-ever Rural Summit. Based on what we heard, we have identified four key priorities:

• investing in people
• investing in infrastructure
• investing in business and regions
• continuing the conversation

This report summarizes what rural Ontarians have told us. It describes how we’ve responded, outlining the actions MRA and other provincial ministries have already taken to ensure rural communities receive
the services, programs and opportunities they need to prosper. Finally, it sets out our priorities for next year and lays the foundation for a dynamic rural plan — a plan MRA will develop in collaboration with our stakeholders and other ministries to help ensure a healthy, innovative and prosperous future. …

Ministry of Rural Affairs. Rural Roadmap: The Path Forward for Ontario. April 2014

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Canadian Regional Development

The Canadian Regional Development: A Critical Review of Theory, Practice and Potentials project is a multi-year research initiative Funded by the Social Sciences and Humanities Research Council of Canada. The project is Investigating how Canadian regional development HAS Evolved over the past two Decades and the degree to Which Canadian regional development systems-have incorporated into Their New Regionalism policy and practice. The project is Conducting an empirical assessment of Canadian regional development using ….

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Community Future BC

The Community Futures Network was established in 1985 by the Federal Government in response to the severe economic and labour market changes faced by rural Canadian communities. Each Community Futures office delivers a variety of services ranging from strategic economic planning, technical and advisory services to businesses, loans to small and medium- sized businesses, self-employment assistance programs, and services targeted to youth and entrepreneurs with disabilities. The Community Futures Network in British Columbia is comprised of 34 locally and strategically positioned organizations who share a common vision ….

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Kitsault …

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Kleinstadtszenario IV

Cohlow, eine Kleinstadt in postindustrieller Kulturlandschaft findet ihren Weg!

Eigentlich war und ist Cohlow keine schöne Stadt. Anfang des Jahrtausend wohnten ca. 7.000 Einwohner in der Kleinstadt am Rande des Braunkohlereviers. Der historische Stadtkern war am Ende des Zweiten Weltkrieges bis auf zwei alte Wohnhäuser zerstört und in den 50er und 60er Jahren mit den damals typischen Plattenbauten wiederaufgebaut worden. Nicht schön aber funktional. Den Sitz der Kreisverwaltung hatte Cohlow schon während der DDR-Zeit verloren. Dafür wurde die industrielle Tradition des kleinen Ortes noch bis in die 80er Jahre künstlich hochgehalten. Die drei textil- und metallverabeitenden Betriebe mussten bald nach der Wende schließen. Lange standen die großen Fabrikanlagen leer. Sie waren für die Bürger Schandfleck und Symbol für die schwere wirtschaftliche Lage.

Dennoch wohnten und wohnen die Menschen gerne in Cohlow. Der Stadtplaner würde erstaunt feststellen: Cohlow ist ein attraktiver und beliebter Wohnstandort. Hatte sich der Bürgermeister kurz nach der Wende wie alle seiner Kollegen verhalten, die Fördermittel in neue Gewerbegebiete gesteckt und verzweifelt um Investoren gekämpft, änderte er nach der Jahrtausendwende intuitiv seine Strategie. Viele Cohlower wohnten in der Stadtmitte. Die Plattenbauten des Zentrums grenzten direkt an die offene Landschaft. Das Oberzentrum der Region konnte und kann man mit der Bahn in 20 min erreichen. Die Braunkohlefolgelandschaft begann sich zu einer Kleinseen-Landschaft zu verwandeln, mit vielen kulturellen und historischen Highlights. Cohlow besaß zwar keine historische Altstadt aber trotzdem die typischen Wohn- und Lebensqualitäten einer Kleinstadt, Überschaubarkeit, Ruhe, Nähe zur Natur, funktionierende soziale Netzwerke. Mehr oder weniger auf sich allein gestellt, begann Cohlow diese Qualitäten zu pflegen und auszubauen.
Konsequent wurde in den folgenden Jahren die Innenstadt gestärkt und öffentliche Einrichtungen in das Zentrum verlegt. So wurden nach der Schießung des Gymnasiums die verbleibenden Schulen und die Sportanlagen am Rande der Innenstadt in einem Schulzentrum zusammengefasst. Die Wohnqualität im Zentrum konnte durch Durchgrünung und eine konsequente Verbindung mit dem umgebenden Landschaftsraum weiter verbessert werden. Bis 2015 wurden in der Stadt mehr als 350 Wohneinheiten vom Markt genommen. Im Zentrum wurden auf der Grundlage eines integrierten Innenstadtkonzepts gezielt einzelne Wohngebäude abgerissen. In den Baulücken entstanden kleine „Pocket-Parks“ zur Verbesserung des Wohnumfeldes oder neue Wohngebäude mit Eigentumswohnungen in einer modernen Architektur, die sich ganz bewusst vom alten Bestand abhob. Eines der ersten Neubauvorhaben in der Innenstadt wurde von Hochschullehrern und Studenten der regionalen Universität entworfen. Natürlich gab es heftige Diskussionen in der Bevölkerung als die Abriss- und Neubaupläne bekannt wurden. Die Stadt hat es aber geschickt verstanden, die Bürger und Betroffenen frühzeitig zu informieren, zu beteiligen und jeden Schritt des Stadtumbaus transparent zu machen. Mit Hilfe eines guten Umbaumanagements konnte jeder Bürger, dessen Wohnung vom Abriss betroffen war, in unmittelbarer Nähe eine neue Wohnung finden. Heute sind die Cohlower stolz auf ihre moderne Innenstadt. Auf zwei Flächen sind vor 8 Jahren nach dem Abriss der (leider schon sanierten) Plattenbauten kleine Modellgebiete mit Reihenhäusern und freistehenden Einfamilienhäusern mitten in der Innenstadt entstanden.

Die weiterhin große Konzentration der Einwohner im Zentrum macht Cohlow zu einer Stadt der kurzen Wege. Ziel der Stadtverwaltung und der Kommualpolitiker war es, dass im Jahr 2015 ¾ aller Bürger in einem Umkreis von 10 min Fußweg um die zentralen Versorgungseinrichtungen und das Geschäftszentrum wohnen sollten. Dieses Ziele konnte schon 5 Jahre früher, 2010, erreicht werden. Selbst zum kleinen Einkaufszentrum neben dem Bahnhof können sie zu Fuß gehen. Die Geschäfte im Einkaufszentrum bieten Kunden einen Ausliefersevice an. Gleichzeitig wurde durch den hohen Bevölkerungsanteil in der Innenstadt und durch eine Vielzahl von Aktionen, Veranstaltungen, Imagekampagnen der Einzelhandel gestärkt. Frühlingsfest und Weihnachtsmarkt, das traditionelle Stadtfest und die dreiwöchige Künstleraktion „Cohlow-Kunst!“, alles findet auf dem neu gestalteten großen Marktplatz statt. Einmal im Jahr besetzen die Schüler die kleinen Pocket-Parks in der Innenstadt und können ihren Gestaltungsphantasien freien Lauf lassen. Heute ist die Kaufkraftbindung in der kleinen Stadt Cohlow um ein vielfaches höher als in größeren benachbarten Städten. Vor allem die vielen älteren Mitbürger wissen die direkte Nähe von Wohnen, Einkaufen, Ärzte und Bürgerbüro zu schätzen. Die Cohlower kaufen gerne in ihrer Stadt ein und sind stolz auf ihre Innenstadt. Und auch aus den umliegenden Dörfern kommen viele zum Einkaufen nach Cohlow, obwohl die größeren Zentren meist nicht weiter entfernt liegen. Der Weg vom Bahnhof, wo auch die Rufbusse halten, in die Innenstadt ist nicht weit und Parkplätze gibt es auch genügend am Rande der Innenstadt.
Über die Jahre hat sich eine klare Arbeitsteilung zwischen der Stadtverwaltung und den Geschäftsinha-bern und Unternehmern heraus gebildet. Die Stadtverwaltung konzentriert ihre Kräfte darauf, die baulichen, funktionalen und gestalterischen Rahmenbedingungen in der Innenstadt zu schaffen. Die Händlergemeinschaft, zusammengeschlossen in der AG Stadtmarketing, organisiert und finanziert gemeinsam mit der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft Veranstaltungen und Imagekampagnen für die Innenstadt. Finanziell unterstützt wurde der Umbau der Innenstadt durch das Ministerium für Kleinstädte und ländliche Entwicklung. Cohlow wurde 2007 als Modellvorhaben und Pilotprojekt in das neue Programm „Kleinstadt und ländlicher Raum“ aufgenommen. In diesem Programm wurden erstmalig alle relevanten Förderprogramme für die Entwicklung von Kleinstädten und Stadt-Land-Beziehungen gebündelt. Überhaupt Modellvorhaben und Pilotvorhaben: Cohlow versucht immer und überall dabei zu sein. Mal war es der Bürgermeister, der einen Antrag für ein Modellvorhaben „Verwaltung 2020“ stellt, mal war es die Händergemeinschaft oder die Wohnungsbaugesellschaft, die Auszeichnungen, Preise und Fördermittel einkassierten. Seit 2008 ist Cohlow auch Mitglied im europäischen Netzwerk „SMCE – Small and Medium Cities in Europe“.
All dies trug wesentlich zur Verbundenheit und zur Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt bei. Wie Gesagt, der Cohlower von heute wohnt gerne in seiner feinen Kleinstadt mit DDR-Kolorid und arbeitet im benachbarten Oberzentrum der Region. Dort kann er abends ins Kino oder Konzert gehen. Die Bahnanbindung ist mittlerweile durch eine Schnellbuslinie ergänzt worden, die bis in die späten Abendstunden fährt. Über ein Rufbussystem kann jeder Dorfbewohner der umliegenden Ortsteile für zusätzliche 2 € Abends noch ins Oberzentrum oder nach Berlin fahren. So hat sich allmählich eine Arbeitsteilung mit dem Oberzentrum herausgebildet.

Der Umbau der industriellen Kulturlandschaft in den letzten 15 Jahren hat diese Lebensqualität noch weiter gesteigert. Durch die Rekultivierung und Renaturierung ist aus der kargen Bergbaulandschaft eine abwechslungsreiche und schöne Gegend geworden. Ideal zum Wandern, Fahrradfahren, Skaten oder Wassersport. Viele kleine Seen, die in den Restlöchern entstanden sind, laden im Sommer zum Schwimmen ein. Ein Netz von spannenden Veranstaltungsorten, Kunst- und Architektur-Highlights durchzieht die Region. Leider stören die vielen Berliner und Dresdner Tages- und Wochenend-Ausflügler etwas. Da ist es gut, dass Cohlow am Rande liegt. Durch die gute Bahnanbindung ins regionale Oberzentrum und nach Berlin, hat es den Umbau der Kulturlandschaft genutzt und sich als Eingangstor profiliert. Unmittelbar neben dem Bahnhof ist ein neues, modernes Wellcome-Center entstanden, in dem der Besucher über die wechselvolle Geschichte der ehemaligen Braunkohleregion informiert wird. Von hier starten die Kutschfahrten, Bergbautouren und Fahrradrouten in die Braunkohlefolgelandschaft. Mittlerweile wirbt Cohlow auch mit dem Slogan „Cohlow – Wohnen zwischen Spreewald und neuem Seenland“. Mittlerweile sind auch zwei kleine Hotels am Rande der Innenstadt entstanden. Sie können ganz gut von den Besuchern der Kulturveranstaltungen und von Fachexkursionen leben.

Cohlow im Jahre 2020 steht gut da! Es wohnen nur noch 5.500 Einwohner in der Stadt, 20% weniger als vor 20 Jahren. Aber die sind zufrieden mit ihrem Wohnort.

(Die kleine Stadt im äußeren Entwicklungsraum Brandenburgs, 2004)

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Kleinstadtszenario III

Bad Altstadt, eine Kurstadt wird zur Kurregion

Das neue Kurzentrum entstand im Jahre 2006. Weitläufig liegen fünf verschiedene Wellness- und Badelandschaften in einer großzügigen Parkanlage am Rande der historischen Altstadt von Bad Altstadt. Vor fünf Jahren standen hier noch 10 Plattenbauten leer, verfielen und versperrten den Blick auf die historische Stadtanlage und die Stadtkirche. Familienbad, Therapiebad, Sport- und Spassbad und das Wellnessbad sind mit unterirdischen Bademantelgängen miteinander verbunden. In der alten Klosteranlage an der Stadtmauer befindet sich das „Haus des Gastes“ mit einem vielfältigen Angebot für Gäste und Einheimische, vom Lese-Cafe über Gymnastikräume bis zu Ruhe- und Entspannungsräume. Jeden zweiten Tag finden hier kulturelle Veranstaltungen statt. Daneben ist eine alte Schuhfabrik zu einem Ärztezentrum ausgebaut. Die Stadt konnte hier freiwerdende Konzessionen der kassenärztlichen Vereinigung durch ein geschicktes Marketing bündeln, günstige Startbedingungen anbieten, junge Berliner Ärzte in die Stadt holen und so das Gesundheitsangebot abrunden.

Die beiden großen Parkplätze sind voll belegt. Die Autokennzeichen aus den 100 bis 150 km entfernt liegenden Großstädten Dresden, Leipzig und Berlin deuten darauf hin, dass viele Tagesbesucher das Bade- und Wellnessangebot nutzen. Auf dem Marktplatz finden gerade der wöchentliche „Grüne Markt“ statt. Ökologische und regionale Produkte , Lebensmittel, Kunsthandwerk und kleinere Dienstleistungen werden in kleinen Ständen vor der historischen Kulisse angeboten. In alten Wohn- und Geschäftshäusern um den Markt sind die Cafes und Restaurants gut besucht. Neben den meisten Türen sind zwei Schilder zu lesen. „Produkte aus dem Altstädter Land“ steht auf dem Einen, „Freundlichkeit gewinnt!“ auf dem Anderen. Neben dem Rathaus werden die Gäste und Besucher speziell über die vielfältigen Angebote der ländlichen Umgebung und der Dörfer informiert: Ferienwohnungen, Landgasthäuser, kleine Dorfmuseen, Fahrradrouten durch die Umgebung, der Naturpark stellt sich vor. Lebensmittelläden und Fachgeschäfte sind in der Innenstadt kaum noch zu finden. Sie konzentrieren sich im Gewerbegebiet im Osten der Stadt. Eine innerstädtische Kleinbuslinie verbindet das Einkaufszentrum mit der Innenstadt.

Nachdem die Umgehungsstraße im Jahre 2008 als eine der letzten Umgehungsstraßen in Deutschland fertig gestellt worden war, beschloss die Stadtvertretung das Stadtzentrum vollkommen für den Auto-verkehr zu sperren, zunächst gegen den erbitterten Widerstand der Einzelhändler und Geschäftsleute. Heute schätzen die Anwohner, Urlauber und Tagesgäste die Ruhe und Sicherheit in der Altstadt. Längst ist Bad Altstadt stolzes Mitglied der europäischen Vereinigung vekehrsfreier Kurstädte.

Ein großer Teil der Altstadt ist Ende des letzten Jahrzehnts im Rahmen eines bundesweiten Pilotvorha-bens als seniorenfreundliche Innenstadt aus- und umgebaut worden. Alle Wege, Plätze und Parkanlagen sind grundsätzlich barrierefrei angelegt. Die Mehrzahl der Wohnungen und Gebäude sind im Zuge der Stadtsanierung altengerecht ausgebaut und ausgestattet worden. Verteilt über die östliche Altstadt gibt es drei Service- und Betreuungspunkte für ältere Mitbürger, die von örtlichen Vereinigungen organisiert werden. Heute sind zwei Drittel der Altstadtbewohner älter als 65 Jahre. Sie genießen das kleinstädtische Flair, das gute Versorgungsangebot und die Nähe zu den Kuranlagen. Viele Dresdner, Leipziger und Berliner haben sich ihren Zweitwohnsitz in einem der kleinen Hofanlagen oder Gutshäuser auf den Dörfern der Umgebung eingerichtet. Ein Bäderbus fährt zweimal am Tag die Dörfer ab. Selbstverständlich kann er auch von den Einheimischen genutzt werden, um nach Bad Altstadt zum Einkaufen zu fahren. Überhaupt haben die Dörfer viel von der positiven Entwicklung des Kurortes profitiert. Landhotels, zwei Feriendörfer, Hofgeschäfte und Direktvermarktung und Künstler haben sich nach und nach auf dem Land neidergelassen. Eigentlich wollten die Altstädter Kommunalpolitiker nach der Eingemeindung von 25 Dörfern alle Aktivitäten auf Bad Altstadt konzentrieren. Wir müssen das regionale Zentrum stärken, lautete die Devise. Dies scheiterte jedoch nach heftigen Auseinandersetzungen in der Stadtvertretung. Die Vertreter der Ortsteile hatten die Mehrheit. Heute zeigt sich, dass beide Seiten von der Entwicklung profitieren. Für die Urlauber und Kurgäste ist Bad Altstadt so viel interessanter. Sie wollen mit dem Fahrrad rausfahren und die Landschaft erkunden. Die Vielfalt der Angebote in der Region steigert die Attraktivität des Kurortes. Und die Dörfer und ihre Bewohner profitieren von den Urlaubern, die gerne bereit sind, für ein gutes einheimisches Kunsthandwerk oder eine gute Mahlzeit auf dem Lande Geld auszugeben. Mittlerweile vermarktet sich Bad Altstadt mit seinen Ortsteilen als „Bad Altstädter Kurregion“. Die großzügige Ge-bietsreform hatte dies wesentlich erleichtert.

Nachdem das Kurzentrum in Kooperation mit drei privaten Investoren fertig gestellt war konzentrierte die Stadtpolitik ihre investiven Mittel ganz auf den Ausbau der Wegeverbindungen. Die Aufgabe von landwirtschaftlichen Nutzflächen und damit auch landwirtschaftlichen Wegeverbindungen wurde konsequent genutzt, um die Kleinstadtregion mit einem Netz von Fahrradwegen, Skaterwegen, Reitwegen und Walking-Strecken zu durchziehen. Bewegung in der Natur als Therapie ist das Motto in Bad Altstadt und mittlerweile eine eigene Bewegung in der Stadt.

So hat sich die kleine Kurstadt Bad Altstadt als kleine Kurstadtregion etabliert und ihre Nische auf dem umkämpften Wellness- und Gesundheitsmarkt erobert. Erfolgsfaktoren waren letztlich ein professionelles Stadt- und Kurmanagement und eine gute Zusammenarbeit mit den Vereinen und Initiativen in der Stadt und auf den Dörfern. Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass die über 40 Vereine im Ort sich verpflichtet haben, ihre Angebote für Urlauber und Kurgäste zu öffnen und sich auf deren Bedürfnisse einzustellen. Dafür hat die Stadt bis zum Jahre 2022 auf die Einführung von Hallenbenutzungsgebühren verzichtet.

Heute, im Jahre 2020 leben 9.845 Einwohner in der Kernstadt und noch einmal 4.500 Einwohner in den Ortsteilen. Dies sind deutlich weniger Einwohner als vor 15 Jahren. Einige Dörfer sind auch vom Aussterben bedroht. Überhaupt sind 40% der Einwohner im Rentenalter. Aber die Einwohnerzahl ist seit 8 Jahren stabil. Bad Altstadt profitiert von den Zuzügen aus den umliegenden Metropolen. Menschen, die hier ihren Lebensabend verbringen wollen. Gerade in den letzten Jahren ist aber auch deutlich geworden, dass diese Zuzüge auch Probleme mit sich bringen. Der Streit fing an, als die Stadtvertretung beschlossen hatte, die Altstadt zur handyfreien und computerfreien Zone zu erklären. Die Alten fühlten sich gestört. Die wenigen Jugendlichen der Stadt fühlten sich endgültig an den Rand des gesellschaftlichen Lebens gedrängt. Eine richtige Jugendkneipe oder eine Diskothek gab es schon lange nicht mehr. Es kam zu Protestkundgebungen auf dem Bad Altstädter Markt. Auch die Väter und Mütter forderten eine ausgewogenere Familienpolitik der Stadt. Die Stadtvertretung erklärte sich schließlich bereit, die Belange von jungen Familien, Kindern und Jugendlichen für die kommenden fünf Jahre bevorzugt zu berücksichtigen, um das Versäumte nachzuholen und eine generationsgerechte Kommunalpolitik zu betreiben. Erste Erfolge sind sichtbar. Das Sport- und Spassbad ist an drei Tagen in der Woche nur noch für Gäste unter 35 Jahren geöffnet, jeden zweiten Samstagabend findet dort eine Jugenddiskothek statt.

(Die kleine Stadt im äußeren Entwicklungsraum Brandenburgs, 2004)

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Kleinstadtszenario II

Radstadt, eine Kleinstadt in der Landschaft findet ihr Profil

Radstadt, das Fahrradzentrum in Brandenburg steht auf dem Ortsschild. Es ist der 17 Juli 2018. Ein Kleinbus mit Hamburger Kennzeichen fährt auf den historischen Marktplatz der Brandenburgischen Kleinstadt. Im Anhänger befinden sich 15 modernste Fahrräder. Aus dem Bus steigen 15 Hamburger Kaufleute im Alter um die 65 und schauen sich zufrieden um. Für Sie beginnen zwei Wochen Fahrradurlaub in der nordbrandenburgischen Provinz. Einige der Fahrradsenioren beabsichtigen sogar nach ihrer Pensionierung ganz nach Radstadt zu ziehen. Sie suchen einen Ort, an dem sich abseits der Großstadthektik gut leben lässt mit moderaten Immobilienpreisen, einer ausreichenden Versorgung und an dem sie ihrem Altershobbies Radfahren und Nordic Walking nachgehen können.

Radstadt ist hierfür ideal geeignet. In der Kernstadt leben 12.750 Einwohner. Jeder Dritte Einwohner ist älter als 60 Jahre. Noch vor 15 Jahren waren es 15.000 Einwohner. Und zu DDR-Zeiten war Radstadt eine der jüngsten Städte Brandenburgs. Aber die Zeiten sind vorbei. Nach der Wende mussten, wie überall im Land, die drei großen Fabriken schließen. Die Arbeitslosenquote war enorm hoch in Stadt und Region. So richtig schlecht ging es aber Radstadt nie. Auch nachdem sie Mitte der 90er Jahre die Kreisstadtfunktion an den etwas größeren Nachbarn abgeben musste, konnten der Bürgermeister und einige aktive Bürger und Unternehmer der Stadt eine positive Grundstimmung erhalten und als Motor für die Stadtentwicklung nutzen. Ausgangs- und Kristallisationspunkt war die Lokale Agenda 21, die im Jahre 2003 ins Leben gerufen wurde. Sie wurde bewusst von den Vorsitzenden der Vereins „Radstädter wollen Kunst und Kultur“, des größten Sportvereins und der Einzelhandelsvereinigung „Pro Radstadt“ ins Leben gestartet, als Dach und Koordinationsinstrument für die vielfältigen bürgerschaftlichen Aktivitäten in Radstadt. Gemeinsam mit der Stadtverwaltung arbeitete die Lokale Agenda 21 binnen kürzester Zeit ein Strategiepapier „Zukunftsfähiges Radstadt“ aus. Im Mittelpunkt stand das Bekenntnis zur Schrumpfung und zur gemeinsamen Gestaltung der Zukunft, verbunden mit fünf zentralen Handlungszielen für die Zukunft der Kleinstadt:

  • Wir müssen alle unsere Kräfte auf das Wesentliche konzentrieren – baulich auf den historischen Stadtkern!
  • Wir müssen unser wertvollstes Kapital nutzen – das unserer Mitbürger mit ihrem Engagement und ihren Ideen!
  • Wir müssen offen sein – für neue Ideen und unseren Gästen und neuen Mitbürgern gegenüber!
  • Wir müssen zusammenarbeiten – miteinander in der Stadt und mit unseren Mitbürgern in der Region!
  • Wir müssen unsere größte Stärke nutzen – die Lebensqualität einer Kleinstadt in der Natur!

Auf einer Zukunftswerkstatt Anfang 2004 wurde gemeinsam mit Bürgern und Politikern das Zukunftsziel ausgegeben, bis zum Jahre 2010 die „Fahrradstadt Nr. 1“ in Deutschland zu werden. Die Voraussetzungen dafür waren günstig. Der Fahrradtourismus war zu einer Wachstumsbranche geworden. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg waren auf dem Weg, die beliebtesten Fahrradregionen Deutschlands zu werden, trotz immer noch mangelhafter Fahrradwege, Übernachtungsmöglichkeiten und Dienstleistungsmentalität. Radstadt liegt zwar nicht in einer ausgesprochenen Urlaubsregion. Die Stadt war und ist aber ein Schnittpunkt von mehreren Radfern-Wanderwegen und liegt an einem Schnittpunkt zweier Bahnlinien. Aus allen Himmelsrichtungen kamen schon damals die Radfahrer im Sommer auf ihrem Weg an die Ostsee, Richtung Polen oder nach Berlin in Radstadt vorbei. Und es waren schon damals vor allem Touristengruppen im Seniorenalter, die in Radstadt Station machten.

Diese Stärke und diese Marktchance wollten die Radstädter nutzen und sich ganz gezielt als fahrradfreundliche Stadt profilieren. Nach den Vorstellungen der Zukunftskonferenz sollten von einem starken Fahrradtourismus und einer klaren Profilierung über kurz oder lang auch die anderen Bereiche des städtischen Lebens und der Wirtschaft profitieren. Eine realistische Leuchtturmpolitik im Kleinen!

Wie gesagt, 15 Jahre später scheint dies gelungen zu sein. Radstadt ist in Deutschland bekannt als Zentrum Brandenburgs für den Fahrradtourismus. Alles ist auf den Fahrradtouristen ausgerichtet. Jeder Gasthof, jedes Hotel und jedes Restaurant in der Stadt und der näheren Region besitzt das Qualitätszeichen „fahrradfreundlich“. Die Qualitätskriterien sind in Zusammenarbeit mit dem ADFC speziell für auf die Region und die Bedürfnisse von älteren Fahrradtouristen ausgeweitet worden. Ein regionaler (Fahrrad-)Tourismusmanager, der von den Tourismusanbietern finanziert wird, wacht über die Einhaltung dieser Kriterien. Neben den Fernradwegen, die unter der Regie des Landes und des Regionalkreises – einer von Vieren im Lande, die im Zuge der letzten Gebietsreform gebildet wurden – ausgebaut und vermarktet werden, hat die Stadt in Kooperation mit den anderen vier Kleinstädten in der Region kleinere Fahrradschleifen zum Einfahren bzw. für die regionalen Touristen und Bewohner ausgebaut und ausgeschildert. Es wurde dabei bewusst auf spezielle Themenrouten verzichtet. Statt dessen wurde Wert auf Abwechslung, schöne Natur, Qualität, Service und Halte- und Einkehrpunkte entlang der Strecke gelegt. Alle 10 – 15 km findet der Radfahrer eine kleine Gaststätte, einen Imbiss oder ein Museum. In einer „Verordnung betreffs der Freundlichkeit gegenüber fahrradfahrenden Gästen“ haben die vier Bürgermeister der Region das Gastgewerbe zur Freundlichkeit und „Zuvorkommenheit“ verpflichtet. Schlagsahne auf Cappucino ist grundsätzlich verboten. Jede Gaststätte mit mehr als 15 Plätzen muss neben einheimischen Biersorten mindestens fünf verschiedene Weine auf der Karte führen. Die Ruhetage werden untereinander koodiniert.

Als sichtbar wurde, dass die Strategie greift, haben sich immer mehr Radstädter darauf eingestellt und ihre wirtschaftlichen Nischen gesucht. Mittlerweile gibt es rund um den Bahnhof und in der Altstadt sechs Fahrradgeschäfte, die gut existieren können. Ein Jungunternehmer hat sich auf einen mobilen Servicedienst spezialisiert. Über eine Servicenummer kann er jederzeit zu Pannen auf der Strecke gerufen werden oder holt Radwanderer ab, die wegen schlechten Wetters oder zu hohem Alkoholkonsum nicht mehr zurück radeln möchten. Zwei Absolventen des Studiengangs Geoinformatik in Neubrandenburg haben einen speziellen GPS-gesteuerten Routenplaner für die Region entworfen, mit Informationen zu Streckenführung, Sehenswürdigkeiten und geschichtlichen Besonderheiten. Er ist einfach zu bedienen und kann gegen ein akzeptables Endgeld in Radstadt ausgeliehen werden. Vor fünf Jahren hat sich sogar ein kleines produzierendes Gewerbe in der alten Senffabrik niedergelassen. Zwei junge Existenzgründer und Fahrradfreaks produzieren hier ein spezielles seniorenfreundliches Tourenrad.

Vor zehn Jahren begannen dann die ersten Hamburger und Berliner ihren Altersruhesitz in Radstadt zu nehmen. In Radstadt hatten bis zu diesem Zeitpunkt drei altengerechte Wohnanlagen eröffnet. Kurz vorher war ein Berliner Investor auf die Idee gekommen, mit einer altengerechten kleine Reihenhaussiedlung die Lücke in der Stadtmauer zu schließen und hatte diese in den Großstädten erfolgreich vermarktet. Die Radstädter Strategen hatten dies eigentlich gar nicht auf ihrer Rechnung. Die günstigen Lebenshaltungskosten in Verbindung mit Kleinstadtflair und Kleinstadtkultur, die sich mittlerweile herausgebildet hatte, sowie eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft, die bequem und sicher erradelt werden konnte, machten Radstadt als Altersruhesitz attraktiv. Mit der Zeit profitierten Stadt und Region von den Zugezogenen. Sie brachten neue Ideen und neue kulturelle Impulse in die Stadt. Aus der verträumten und depressiven Brandenburger Kleinstadt der Nachwendezeit wurde allmählich ein lebendiges regionales Kulturzentrum in historischer Kleinstadtkulisse. Mit der Zeit erkannten auch die vielen Künstler und Kunsthandwerker, die sich nach der Wende auf den Dörfern niedergelassen hatten, das Vermarktungspotential der Kleinstadt. Vor acht Jahren schlossen sie sich zu einer regionalen Künstlergenossenschaft zusammen und eröffneten im alten Güterbahnhof ein regionales Kunstzentrum als Appetitanreger für ihre Ateliers in den Dörfern und Gutshäusern in der Umgebung.

Die letzten Reste der alten Plattenbauten waren bereits 2010 abgerissen worden. Die Stadt hatte sich konsequent auf den historischen Stadtkern ausgerichtet. Kleine Neubaugebiete wurden nur in direkter Nähe zum Zentrum erschlossen oder auf den alten Fabrikbrachen. Alle zentralen Einrichtungen und Geschäfte wurden, soweit es möglich war, auf den Altstadtkern konzentriert. Als im Jahre 2005 das Gymnasium und das Krankenhaus zur Disposition standen, einigte man sich mit der Nachbarstadt auf eine Arbeitsteilung. Radstadt behielt das Gymnasium, die Nachbarstadt behielt ihr Krankenhaus. Angesichts der geringen Entfernung von 20 km und der Lage beider Städte an der Bahnlinie war dies kein gravierender Standortnachteil.

Überhaupt die Zusammenarbeit der Städte in der Region. Noch zur Jahrtausendwende hatte man halbherzig eine umfassende interkommunale Zusammenarbeit angekündigt. Ein Städtenetz wurde gegründet. Es konnte aber nie richtig mit Leben gefüllt werden. Erst als der Handlungsdruck immer größer wurde und die zentrale Funktionen in Frage standen, begannen die regionalen Kleinstädte ganz gezielt aufgaben- und problembezogen zusammenzuarbeiten. Die Versorgungsfunktionen wurden arbeitsteilig organisiert, kommunale Serviceeinrichtungen zusammengelegt oder gemeinschaftlich organisiert und die Verkehrsverbindungen zwischen den Städten verbessert und flexibler gestaltet. Heute gibt es u.a. einen gemeinsamen Bauhof, nur noch ein Frei- und Hallenbad und abgestimmte Profile und Strategien der Städte. Während Radstadt sich auf Touristen und Zweitwohnsitze konzentriert, profiliert sich die Nachbarstadt direkt an der Autobahn als Standort für Handwerker, Kleingewerbe und großflächigen Einzelhandel. Reibungen und Streitigkeiten zwischen den Städten und mit den Dörfern gibt es natürlich immer noch, aber sie werden meist konstruktiv gelöst. Zwischen den Städten gibt es eine privat betriebene Bahnverbindung sowie eine Schnellbuslinie. Die Dörfer werden mit Hilfe von Bürgerbussen, Mitfahrzentralen und organisierter Nachbarschafthilfen an das Schnellbahnnetz angebunden. Die meisten Bewohner erledigen ihre Wege aber weiterhin mit dem eigenen PKW. Um die Sicherheit für die Fahrradfahrer zu erhöhen und auch den älteren Menschen auf den Dörfern die Fahrt mit dem eigenen Auto zu ermöglichen, gilt in der gesamten Region Tempo 80 und wird bis auf wenige Ausnahmen auch eingehalten.

Ausgehend von der Lokalen Agenda wird die „Strategie seniorenfreundliche Fahrradstadt“ ausschließlich von privater Initiative getragen. Stadtverwaltung und Stadtpolitik haben sich ganz auf rahmensetzende Aufgaben zurückgezogen.

(Die kleine Stadt als Lebensstützpunkt im äußeren Entwicklungsraum Brandenburgs, 2004)

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Kleinstadtszenario I

Markstadt, eine Kleinstadt in der Agrarlandschaft nutzt die Krise als Chance!

Markstadt im Jahre 2020 ist eine typische brandenburgische Kleinstadt. 6.000 Einwohner leben und arbeiten gerne hier. Sie fühlen sich in der kleinstädtischen Überschaubarkeit und inmitten der etwas kargen und von landwirtschaftlicher Großnutzung geprägten Landschaft wohl. Die meisten haben ihr Auskommen, arbeiten in der Region oder pendeln täglich oder über die Woche in die größeren Städte und Metropolen der weiteren Umgebung.

Dies sah vor gut 20 Jahren noch anders aus: Markstadt war eine typische kleine Landstadt, über Jahr-hunderte hinweg das Tor, der Mittelpunkt und die Kreisstadt des agrarisch geprägten Markstädter Landes. Handwerk, Handel und Verwaltung prägten die Stadt. Die Verhältnisse waren geordnet und übersichtlich. Das Zusammenleben war eingespielt, wenn auch nicht immer frei von versteckten Konflikten. Zu Beginn der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde eine Besteckfabrik mit 350 Arbeitsplätzen am Rande der Stadt aufgebaut. Ende der 80er Jahre hatte die Kleinstadt über 8.000 Einwohner, aber bereits eine Menge baulicher, wirtschaftlicher und struktureller Probleme.

Hatten die Marktstädter noch gehofft, das nach der politischen und gesellschaftlichen Wende ihre Stadt wieder aufblühen könnte und die alte Bedeutung für die Region wieder übernehmen könnte, wurden sie bald eines besseren belehrt. Die Fabrik wurde geschlossen. Im neuen Gewerbegebiet siedelten sich lediglich ein paar örtliche Handwerksbetriebe an. Neue Unternehmen und damit neue Investitionen und Arbeitsplätze kamen nicht nach Markstadt. Dann verlor Markstadt auch noch seine Kreisstadtfunktion und nach und nach die öffentlichen regionalen Verwaltungen und Einrichtungen. Der lange Kampf um das örtliche Gymnasium ging verloren. Das Krankenhaus musste geschlossen werden. Die hausärztliche Versorgung war in Frage gestellt. Die Ärzte konnten keine Nachfolger für ihre Praxen finden. Schließlich wurde der kleinen Stadt die mittelzentrale Teilfunktion aberkannt. Geschäfte in der Innenstadt mussten schließen und standen leer. Im Jahre 2005 lebten nur noch 6.800 Einwohner in der Kernstadt. Selbst einige renovierte schöne Fachwerkhäuser in der historischen Altstadt konnten nicht mehr verkauft oder vermietet werden. Resignation und Verlust von Zukunftsparspektive waren die Folge.

Die Wende lässt sich auf den 3. November 2007 datieren. In einer überregionalen Zeitschrift war ein Artikel erschienen, der die Kleinstadt in düstersten Farben zeichnete. Eine Stadt ohne Zukunft mit verödeten Straßen, in der Besucher noch nicht einmal einen ordentlichen Kaffee, geschweige denn einen Cappucino bekommen konnten. Leserbriefe fordeten mal wieder die Einstellung sämtlicher Subventionen und Förderungen für perspektivlose und verödete Städte wie Markstadt.

Auf Initiative des örtlichen Kulturvereins waren die Markstädter in der Turnhalle zusammenge-kommen, um über ihre Zukunft zu beraten. Aus einer „Jetzt erst recht – Stimmung“ heraus, ent-standen auf der dreitägigen Versammlung ein neues zukunftsorientiertes Leitbild für die Stadt-entwicklung. „Es wurde uns klar, dass von außen wenig Hilfe zu erwarten war. Wir mussten das Ruder selber in die Hand nehmen und uns den Realitäten stellen!“ sagt heute rückblickend der damalige Vorsitzende des Kulturvereins. Vorbild war die werteorientierte Gemeindeentwicklung des sogenannten „Steinbacher Weg“. Wie in der oberösterreichischen Gemeinde war eine der ersten Schritte die Erneuerung der Beziehungskultur in der Stadtpolitik und Stadtentwicklung. Alle Fraktionen der Stadtvertretung und alle örtlichen Vereine und Initiativen trafen eine Vereinbarung über eine „neue politische Kultur“. Die Dominanz der Parteipolitik und der Einzelinteressen trat in den Hintergrund. Die Vision für die Zukunft war eine Bekenntnis zu den eigenen Qualitäten und zum Gesundschrumpfen: „Markstadt – klein aber fein!“
Und heute? Die Einwohnerzahl von Markstadt hat die 6.000er Grenze unterschritten. Sie wird sich vo-raussichtlich bei 5.500 einpendeln. Wie vorhergesagt sind mehr als 30% der Einwohner älter als 60 Jahre. In den letzten Jahren sind aber auch wieder vermehrt neue Bürger zugezogen, ältere Menschen aus der Region, die die Angebote der Kleinstadt schätzen und Menschen aus anderen Teilen des Landes, die die Lebensqualität und die Überschaubarkeit der Verhältnisse suchen.

Räumlich hat sich Markstadt auf das historische Stadtzentrum zurück entwickelt. Plattenbauten am Stadtrand sind im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts bis auf vier Gebäude abgerissen worden. Angesichts der wirtschaftlichen Situation wurde zunächst noch kostengünstiger Wohnraum mit geringem Standard benötigt. Später wurde es „in“, sich eine Eigentumswohnung im Plattenbau zu kaufen. Nachdem die historische Altstadt Anfang des Jahrtausend weitgehend saniert war, konzentrierte sich die Stadtentwicklung darauf, die vielen brachliegenden Flächen aufzuräumen, der Natur zurückzugeben, und einen neuen Stadtrrand zu gestalten. Heute ist die bebaute Fläche der Kleinstadt um ein Drittel kleiner als noch vor 25 Jahren. Kleine neue Wohngebiete lehnen sich an die Altstadt an und bilden einen fließenden Übergang in die umgebende Landschaft.
Markstadt ist heute Teil einer Großgemeinde mit über 40 Ortsteilen, eine Kleinstadtregion. Zunächst gab es die üblichen Reibereien um die Verteilung der wenigen Mittel zwischen den Vertretern der Stadt und der ländlichen Ortsteile in der Stadtvertretung. Die Kommunalpolitiker hatten aber schon bald die Notwendigkeit erkannt, sich zusammenzuraufen und die „neue politische Beziehungskultur“ umzusetzen. Im Jahre 2020 versteht sich der Markstädter Kommunalpolitiker als Vertreter der Kleinstadtregion und nicht seines Heimatortes. Dazu gehört auch, dass die Aufgaben zwischen der gesamten Stadtvertretung und den Ortsteilen klar aufgeteilt und definiert werden. Jedes Dorf, jeder Ortsteil hat seine eigene Interessenvertretung. Alle zwei Jahre werden zwischen Stadtparlament und den Dorfvertretungen die Aufgabenverteilung ausgehandelt und in Vereinbarungen neu festgeschrieben.

Überhaupt funktioniert vieles in Markstadt mit Hilfe von Absprachen und Zielvereinbarungen. Vieles von dem, was früher öffentliche Aufgabe war, wird heute von Vereinen und Initiativen erledigt: von dem Kulturverein, über Jugendarbeit bis hin zu einer Pflege und Instandhaltung von Straßen, Wegen und Grünanlagen. Zwei Koordinatoren haben in der Stadtverwaltung die Aufgabe, die bürgerschafltichen Aktivitäten zu betreuen und zu koordnieren. In den Vereinbarungen „Wer macht was?“ werden regelmäßig die Vereinsaktivitäten festgelegt und kommunale Zuschüsse im Rahmen des möglichen vereinbart.

Bekannt wurde die markstädtische Region für ihre Werbekampagne „Ärzte aufs Land“, mit der die Bürger junge Ärzte beworben haben, Praxen und Wohnungen zu günstigen Konditionen angeboten haben und letztendlich die Gesundheitsversorgung der Regon gesichert haben. Die meisten Praxen sind im Gesundheitszentrum in der alten Besteckfabrik zusammengefasst. Hier ist auch die Schaltstelle für die mobile Betreuung und Televersorgung der Dörfer, insbesondere für die älteren Bewohner auf dem Land.
Schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die meisten Läden und Versorgungseinrich-tungen auf den Dörfern geschlossen worden. Die Lösung hieß Bündelung, multifunktionale Angebote und Partnerschaften. Nach dem Vorbild der Komm-In-Zentren aus Baden-Württemberg gibt es in den drei größten Ortsteilen multifunktionale Versorgungs- und Kommunikationszentren, in denen alle wichtigen Angebote bis hin zu täglichen Versorgung und einer Regionalschwester für die Kranken- und Altenbetreuung, gebündelt sind. Die kleineren und abgelegeneren Dörfer und Siedlungsstellen, die noch bewohnt sind, werden alle zwei Tage vom guten alten Briefträger besucht, der neben der Postzustellung Aufgaben der allgemeinen Versorgung und soziale Aufgaben übernommen hat.

Und die wirtschaftliche Situation? Es gibt noch bzw. wieder ein gesundes Kleingewerbe und Handwerk in der Region. Es gibt aber seit 20 Jahren auch eine regionale Koalition zwischen Markstadt und den sie umgebenden landwirtschaftlichen Großbetrieben. Und es ist bei den Bewohnern der Region ein gewisser Wertewandel festzustellen. Ausgehend von der Kleinstadt gibt es eine eigene regionale oder kleinstadtregionale Identität, die sich auch in einem Bekenntnis zu den regionalen Produkten widerspiegelt. Es wird insgesamt mehr Wert auf regionale Herkunft und Qualität beim Einkaufen gelegt. Obwohl die Menschen weniger verdienen als in anderen Regionen Deutschlands, sind sie bereit einen größeren Anteil ihres Einkommens für gute, regionale Produkte auszugeben. Bereits 2008 wurde eine regionale Verbrauchergenossenschaft gegründet, die ihre Läden mittlerweile auch auf die Nachbarregionen ausgedehnt hat. Zwar gibt es auch noch die großen Einzelhandelsversorger und die landwirtschaftlichen Großbetriebe produzieren überwiegend für den nationalen und internationalen Markt, ein kleiner Teil der regionalen Produktion wird aber direkt im den Läden der Verbrauchergenossenschaft verkauft. Das Bekenntnis zu guten regionalen Produkten bezieht sich auch auf Handwerk und Dienstleistung. So ist es mit der Zeit gelungen, über die gezielte Nachfrage die Betriebe der Region wieder zu stärken. Die Qualität und Herkunft der Produkte wird unter dem Dach eines regionalen Qualitätszeichens gesichert und regelmäßig überprüft. Um die wirtschaftliche Tragfähigkeit zu verbessern wurde die Regionalmarke vor 15 Jahre auf vier weitere „Kleinstadtregionen“ ausgedehnt.

Bereits Ende des ersten Jahrzehnts hatten sich die landwirtschaftlichen Großbetriebe ein zweites Standbein aufgebaut, die Produktion von nachwachsenden Energiepflanzen. Im Jahr 2008 gründete sich eine Initiativgruppe „Energieregion Markstädter Land“ mit dem Ziel, die Nutzung regenerativer Energieträger zu fördern. In einer ersten Übereinkunft wurden regionale Ziel- bzw. Grenzwerte für die Nutzung regenerativer Energieträger formuliert (Wind, Raps, Biomasse, Holz). So konnte von Beginn an verhindert werden, dass neue Monokulturen entstehen oder die Landschaft durch Windkraftanlagen und flächenhaften Solaranlagen zu sehr verunstaltet wird. Bereits 2006 war ein erstes Holzhackschnitzelwerk in Markstadt ans Netz gegangen. Als 2012 die Endlichkeit der klassischen Energieträger weltweit deutlich wurden und die Energiepreise sprunghaft anstiegen, war Markstadt weitgehend unabhängig von Öl, Kohle und Gas und konnte mit der Einspeisung der überschüssigen Energiereserven einen bescheidenden wirtschaftlichen Aufschwung in der Region einleiten, der schließlich Marktstadt und sein Umland stabilisiert hat. Sogar einige kleinere Entwicklungsunternehmen haben sich in der alten Messerfabrik neben den Räumlichkeiten des Ärztezentrums neidergelassen.
Trotz weiter zurückgehender Einwohnerzahlen und einem hohen Anteil älterer Mitbürger haben die Kleinstadt und ihr agrarisch geprägtes Umland ein Gleichgewicht gefunden. Bereits im Jahr 2015 wurde die Kleinstadtregion Marktstadt zum ersten Mal als „Kleinstadt des Jahres“ ausgezeichnet, zwei Jahre später sogar als „europäische Kleinstadt mit der höchsten Lebensqualität“. Eine Delegation von 15 Ver-tretern von Vereinen, Initiativen und Kommunalpolitikern nahmen die Auszeichnung am 3. November 2017, 10 Jahre nach der legendären „Turnhallenversammlung“ in Brüssel entgegen. Rückblickend kann man sagen, dass Markstadt die Krise als Chance verstanden und genutzt hat!

(Die kleine Stadt als Lebensstützpunkt im äußeren Entwicklungsraum Brandenburgs, 2004)

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Die Kunst der Regionalentwicklung

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Webinar in Ontario

Changing demographics, specifically the lack of population growth and aging in many areas of rural and remote Ontario, will pose a challenge to how a wide variety of human services and supporting infrastructures are planned and delivered. In Germany, Jens-Martin Gutsche has played a key role in piloting an innovative planning strategy based on extensive community engagement and multi-sector collaboration. This webinar will allow you to learn more about this integrated approach. Jens-Martin will present several examples illustrating the process, outcomes to date, and success and learnings along the way. Presenters and participants will explore the applicability or adaptability of this planning strategy for areas of Ontario experiencing population decline.

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